Gegen Nachhaltigkeits-Kosmetik

Artikel vom 14. Oktober 2022
Sonstige Dienstleistungen

Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselindustrie für den Klimaschutz, weil sie intensiv Ressourcen benötigt (Bild: Joffi/Pixabay).

Um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, ist für viele Unternehmen eine umfassende Transformation unvermeidbar – insbesondere in der ressourcenintensiven Bauwirtschaft mit hohen CO2-Emissionen. Im Interview spricht Dr.-Ing. Reiner Härdtl, Leiter des Teams Normen, Patente, Information & Dokumentation im Global R&D Department von Heidelberg Materials, über Herausforderungen und die Bedeutung von Normen und Standards für den Klimaschutz. Der Weltnormentag steht unter dem Motto »Shared Vision for a Better World« – eine Welt, die stärker denn je vom Klimawandel bedroht ist.

Angesichts der Klimakrise befindet sich Deutschland am Beginn eines umfassenden Transformationsprozesses hin zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft. Nahezu jede Branche wird davon betroffen sein. Wie sieht die Transformation in der Bauwirtschaft und speziell in der Zement- und Betonindustrie aus?

Reiner Härdtl: Eine entscheidende Herausforderung für uns als Baustoffhersteller sind die direkten CO2-Emissionen, die bei der Produktion von Zement – dem Kleber im Beton – während der Klinkerproduktion im Zementofen entstehen. Vor allem geht es um jene zwei Drittel an rohstoffbedingten Prozessemissionen, die bislang technologisch unvermeidbar sind. Auf strategischer Ebene setzen wir bei Heidelberg Materials deshalb auf die Senkung des Klinkeranteils im Zement, die Einführung immer CO2-ärmerer Zemente und Betone, einen schnell zunehmenden Einsatz recycelter Materialien sowie auf neue Technologien wie den 3D-Betondruck. Daneben ist auch die Abscheidung und Nutzung oder Speicherung von CO2 ein entscheidendes Element unserer Klimastrategie und unerlässlich, um für unseren Sektor CO2-Neutralität zu erreichen.

Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselindustrie und ist gleichzeitig sehr ressourcenintensiv. Der Ansatz der Kreislaufwirtschaft entkoppelt das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch und setzt darauf, Materialien so lange wie möglich im Kreislauf zu führen und wiederzuverwerten. Welche Rolle spielt Circular Economy im Bausektor und konkret in der Zement- und Betonindustrie?

Härdtl: Eine wesentliche. Zirkularität ist ein Kernelement unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Erst im Mai haben wir uns neue, ambitionierte Ziele gesetzt. Wir wollen bis 2030 zirkuläre Alternativen für die Hälfte unserer Betonprodukte anbieten. Die Chancen, die sich unserer Industrie durch Innovation in diesem Bereich bieten, sind riesig. Neue Recyclingtechniken erlauben es uns, beim Abbruchbeton den Materialkreislauf von Sand, Zuschlagstoffen und dem so genannten Zementstein zu schließen. Darüber hinaus kann der Zementstein – also der erhärtete Zement – CO2 aufnehmen, dauerhaft binden und somit als CO2-Senke fungieren.

Zahlreiche Unternehmen haben es sich zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden. Heidelberg Materials möchte im Jahr 2050 CO2-neutral sein. Zement klimaneutral herzustellen, ist eine Herausforderung, der Hebel für CO2-Einsparungen aber riesig. Was bedeutet das für Sie als Hersteller von Baustoffen und -lösungen sowie für Ihre Kunden und Zulieferer? Wie messen Sie Ihre Fortschritte?

Härdtl: Nachhaltige Produkte werden, davon sind wir überzeugt, zu einem Game-Changer für profitables Wachstum. Die ganze Wertschöpfungskette Bau ist gefragt, neu zu denken und zu handeln. Grüne Leitmärkte spielen eine wichtige Rolle. Wir haben für alle unsere Standorte weltweit passgenaue CO2-Roadmaps mit konkreten Maßnahmen auf Werks- und Produktebene erarbeitet. Den aktuellen Stand bei der Zielerreichung haben wir immer im Blick. Wir kommunizieren ihn transparent in unserem Nachhaltigkeitsreporting, das wir ständig ausbauen. Daneben setzen wir auf die externe Validierung unserer Klimaziele und unserer Nachhaltigkeits-Performance durch unabhängige Partner wie die Science-Based-Targets-Initiative und verschiedene ESG-Ratingagenturen.

Um einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten zu können, muss das Bauwesen nachhaltiger, innovativer und digitaler werden, haben Sie gesagt. Wie können Normen und Standards aus Ihrer Sicht unterstützen?

Härdtl: Wir befinden uns bereits mitten in der Transformation. Die Vermarktung nachhaltiger, klimafreundlicher Produkte sowie der Dialog mit den Kunden und der gesamten Wertschöpfungskette ist in vollem Gange. Normen und Standards bilden einen wichtigen Rahmen für die breite Einführung innovativer Bauprodukte mit verbesserter CO2-Bilanz. Daher plädieren wir auch für eine rasche Lösung bei dem europäischen Rückstau von harmonisierten EU-Normen, unter anderem im Rahmen der Revision der Bauprodukteverordnung.

Im Rahmen der grünen Transformation werden neue Technologien und Geschäftsmodelle entwickelt und neue Märkte entstehen. Wie können Normen und Standards diese Entwicklung begleiten und unterstützen?

Härdtl: Im Baubereich reflektieren Normen den anerkannten Stand der Technik. Darüber hinaus sind viele Normen eng mit den formalen Vorgaben zur Sicherstellung der Bauwerkssicherheit und den damit verbundenen gesetzlichen Rahmenbedingungen verknüpft. Normen erhalten dadurch einen hohen Grad an Verbindlichkeit für alle am Bau Beteiligten. Die Aufnahme von Innovationen in das Normenwerk ist daher eine maßgebliche Voraussetzung für die Anwendung und Etablierung neuer Technologien. Deutschland ist gut beraten, in die Bearbeitung der neuen Themen zu investieren, denn mit Normung werden Märkte gemacht, sie sind ein strategischer Faktor im weltweiten Wettbewerb.

In welchem Bereich sehen Sie den größten Nutzen von Normen und Standards?

Härdtl: Die europäische Zementnorm EN 197-1 definiert neben klassischen Portlandzementen mit mehr als 95 Prozent Klinker eine große Bandbreite an Zementen mit reduzierten Klinkergehalten. Die derzeitig gültige Fassung beschreibt 26 verschiedene Zementarten, die unterschiedliche Optionen der Klinkersubstitution durch alternative Stoffe wie granulierte Hochofenschlacke oder Flugaschen definieren. Diese Norm hat sich weltweit etabliert und ist Muster für zahlreiche nationale Zementnormen auf allen Kontinenten.

Welche konkreten Normen werden bei Heidelberg Materials angewendet, die aus Ihrer Sicht einen direkten Nutzen für den Klimaschutz haben?

Härdtl: Ein besonderes Augenmerk liegt auf Normen für Zemente, die eine weitere Reduzierung der Klinkergehalte ermöglichen. Die 2021 veröffentlichte Norm EN 197-5 definiert ergänzend zur bestehenden Zementnorm weitere Zementarten, die eine höhere Flexibilität in der Klinkersubstitution ermöglichen. Derzeit in Arbeit ist eine weitere Zementnorm, die erstmals die Verwendung von recyclierten Betonanteilen als Zementhauptbestandteil definieren soll. Mit der Veröffentlichung ist im Laufe des Jahres 2023 zu rechnen.

Der Weltnormentag steht unter dem Motto »Shared Vision for a Better World«. Was ist Ihre persönliche Vision für die Zukunft der Zement- und Betonindustrie?

Härdtl: Bei Heidelberg Materials glauben wir fest daran, dass die Bauwirtschaft der Zukunft CO2-neutral sein wird. Daher ist die Frage, wie schnell wir selbst mit unseren Produkten CO2-neutral werden können, keine Nachhaltigkeitskosmetik, sondern fundamental wichtig. Überall, an jedem Standort, und in jedem Markt.

Dr.-Ing. Reiner Härdtl ist Leiter des Teams Normen, Patente, Information & Dokumentation bei Heidelberg Materials (Bild: Heidelberg Materials).

Zur Person

Der Bauingenieur Dr.-Ing. Reiner Härdtl ist Leiter des Teams Normen, Patente, Information & Dokumentation im Global R&D Department von Heidelberg Materials. Zu seiner Aufgabe gehört die konzerninterne Koordination der baustofftechnologischen Normungsaktivitäten. Härdtl verfügt über Erfahrungen in der Normungsarbeit und ist seit 1993 Mitglied in DIN- und CEN-Normungsgremien in den Bereichen Zement, Beton, Sand & Kies.

Teilen
PDF-Download
Weiterempfehlen
Drucken
Anzeige Hersteller aus dieser Kategorie


Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Mailjet zu laden.

Inhalt laden