Die grüne Transformation muss zum Standard werden

Artikel vom 12. Oktober 2022
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Arbeitssitzung des G7-Gipfeltreffens in Elmau: Deutschland schlägt einen Klimaclub vor. Normen und Standards tragen zum Klimaschutz bei. (Bild: Steins/Bundesregierung)

Die Welt ist stärker denn je vom Klimawandel bedroht. Deshalb steht der Weltnormentag am 14. Oktober 2022 unter dem Motto »Shared Vision for a Better World«. Um die Erderwärmung zu begrenzen, ist die grüne Transformation von Industrie und Wirtschaft erforderlich. Dr. Franziska Brantner, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), benennt die Herausforderungen und Chancen der Transformation sowie die Bedeutung von Normen und Standards für den Klimaschutz.

Die grüne Transformation von Industrie und Wirtschaft ist eine Jahrhundertaufgabe. Welche Herausforderungen für Unternehmen sehen Sie?

Dr. Franziska Brantner: Die Herausforderungen sind in der Tat groß. Viele Branchen spüren die Erschöpfung durch die Corona-Jahre, dazu kommen Lieferkettenprobleme, Material- und Fachkräftemangel. Gleichzeitig müssen wir den Übergang in die grüne Transformation angehen, was uns mittel- und langfristig Standortvorteile verschaffen kann. Dafür müssen wir einen ambitionierten Ausbau der Erneuerbaren Energien voranbringen, nachhaltige Produktionsweisen und Infrastrukturen fördern, grüne Leitmärkte aufbauen und in regionale Wertschöpfung investieren.

Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Deutschland bereits 2045 klimaneutral sein soll. Mit dem Osterpaket und dem Sofortprogramm »Klimaschutzmaßnahmen für den Gebäudesektor« haben Sie erste wichtige Maßnahmen verabschiedet. Welche Vorhaben stehen im Weiteren an?

Brantner: Um bis 2045 treibhausgasneutral zu werden, müssen wir vor allem unsere anspruchsvollen Klimaziele bis 2030 erreichen. Im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz haben wir mit dem Energiesofortmaßnahmenpaket schon einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht und schaffen mit einem deutlich beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien die Basis für eine klimaneutrale Energieversorgung. Jetzt muss es uns als Bundesregierung gelingen, auch in den Sektoren Gebäude, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft die notwendigen Maßnahmen zu verankern, die Vorschläge liegen auf dem Tisch – wir müssen diese jetzt im Rahmen des Klimaschutzsofortprogramms zügig verabschieden.

Wie können Normen und Standards dabei unterstützen?

Brantner: Normen und Standards sichern Qualität. Sie erleichtern den Handel und schaffen Transparenz für alle Marktteilnehmer. Für die Etablierung klimafreundlicher Produkte spielen sie eine wichtige Rolle, indem sie die Wettbewerbsfähigkeit steigern und neue Märkte erschließen. Wichtig ist dabei auch ein ausgewogenes Verhältnis von Regulierung und freiwilligen Standards, damit Innovationen nicht abgewürgt werden. So beteiligt sich Deutschland intensiv an der Entwicklung von internationalen Standards für klimafreundliche Grundstoffe wie Stahl und Zement, damit grüne Produkte von konventionellen unterscheidbar, vergleichbar und vermarktbar werden.

Laut einer vom BMWK in Auftrag gegebenen Studie summieren sich die Schäden durch Extremwetter in Deutschland in den vergangenen Jahren auf über 80 Milliarden Euro. Welche Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels stehen bei Ihnen auf der Agenda?

Brantner: Die jüngsten Extremwetterereignisse verdeutlichen die zunehmenden gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen und Risiken des Klimawandels. Wir müssen deshalb Vorsorge treffen. Die Bundesregierung handelt entsprechend. Gemäß Koalitionsvertrag wollen wir die deutsche Anpassungsstrategie weiterentwickeln, mit einem neuen Klimaanpassungsgesetz rechtliche Verbindlichkeit ermöglichen und ein Finanzierungsinstrument von Bund und Ländern schaffen, das gemeinsame Klimavorsorge- und Anpassungsmaßnahmen ermöglicht.

Welche Rolle spielen Normen und Standards dabei?

Brantner: Klimaanpassung muss in der Normung mitgedacht werden. Denken Sie an große Infrastruktursysteme in der Energieversorgung oder des Verkehrs, die auf sehr lange Nutzung ausgelegt sind. Hier muss Klimaveränderung zur Wahrung von Sicherheitsstandards und Resilienz berücksichtigt werden. Die Bundesregierung und das DIN arbeiten seit Jahren eng zusammen. Wichtig ist mir, dass sich Normungsgremien künftig mit klimawissenschaftlicher Expertise verstärken und so Klimafolgen stärker berücksichtigt werden.

Um den europäischen Einfluss in der internationalen Normung zu sichern und auszubauen, hat die EU im Februar eine Standardisierungsstrategie veröffentlicht. Ein zentraler Punkt dabei ist die Setzung strategischer Themenschwerpunkte für die Normung durch alle Beteiligten. Welche Rolle sollte der Klimaschutz spielen?

Brantner: In der Tat lassen sich die Ambitionen der EU im Hinblick auf eine klimaneutrale, resiliente und kreislauforientierte Wirtschaft sicherlich nicht ohne Normen beispielsweise für Prüfmethoden, Managementsysteme oder Interoperabilitätslösungen verwirklichen – welche letztlich auch von globaler Relevanz sind. Auch deshalb begrüßt die Bundesregierung die Standardisierungsstrategie der EU ausdrücklich. Als ein zentrales Schwerpunktthema wurde Wasserstoff benannt. Für den Markthochlauf, insbesondere von grünem Wasserstoff, werden einheitliche Normen und Standards essenziell sein. Und auch mit Blick auf die klimatischen Entwicklungen müssen die Prozesse in der Normung unbedingt beschleunigt werden.

Eine weitere Herausforderung, die in der EU-Standardisierungsstrategie thematisiert wird, ist die Gewinnung von Fachleuten für die Mitarbeit in der Normung. Wie kann die Politik hierbei unterstützen – insbesondere in Bezug auf Klima-Experten?

Brantner: Gerade beim Klimaschutz wird es notwendig sein, dass in den relevanten Normungs- und Standardisierungsgremien die richtigen Experten und Expertinnen der so genannten interessierten Kreise – eben auch aus dem Klimabereich – zusammenarbeiten. Ich finde, wir müssen bei allen Beteiligten ein größeres Bewusstsein dafür schaffen, dass Klima-Expertise auch in der Normungsarbeit notwendig ist. Die Politik kann sicherlich den Dialog mit den Stakeholdern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft unterstützen.

Die G7-Gruppe will den deutschen Vorschlag für einen Klimaclub bis Ende 2022 ins Leben rufen. Dies verdeutlicht: Klimaschutz braucht internationale Zusammenarbeit. Wie soll diese Zusammenarbeit mit Leben gefüllt werden?

Brantner: Der Klimaclub kann helfen, international das Ambitionsniveau im Klimaschutz zu heben und so die Lücke zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels zu schließen. Vor allem im industriellen Sektor kann eine enge Zusammenarbeit ambitionierter Klimapartner zusätzliches Potenzial erschließen – beispielsweise durch die Schaffung internationaler Märkte für fast emissionsfrei produzierte Grundstoffe oder von transformierten Produktionsprozessen hin zu mehr Klimafreundlichkeit. Hier bilden globale Standards und Normen, zum Beispiel durch ISO/IEC, eine wesentliche Grundlage, um Produkte oder Verfahren hinsichtlich ihres CO2-Fußabdrucks einzuordnen, vergleichbar zu machen und so echte grüne Produktion als Standardinvestitionsentscheidung zu etablieren.

Der Weltnormentag steht unter dem Motto »Shared Vision for a Better World«. Was ist Ihre persönliche Vision der Zukunft?

Brantner: Wenn wir die grüne Transformation nach unseren freiheitlich-demokratischen Werten erfolgreich gestalten wollen, müssen wir als Europäer vor allem gemeinsam darauf hinarbeiten, dass geringer Rohstoffverbrauch, Langlebigkeit und Wiederverwertbarkeit zum europäischen Standard werden. Wir müssen aber auch mit dem größeren Teil der Welt auf einer neuen Grundlage von Nachhaltigkeit, Resilienz und Effizienz zusammenarbeiten. Das schafft nicht nur Innovationen und stärkt unsere Wettbewerbsfähigkeit, sondern hilft uns auch, unseren Wohlstand und unsere soziale Sicherheit zu erhalten.

Dr. Franziska Brantner ist Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. (Bild: DIN)

Zur Person

Dr. Franziska Brantner ist Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. Zudem ist sie Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Umsetzung der internationalen Initiative für mehr Transparenz im rohstoffgewinnenden Sektor (Extractive Industries Transparency Initiative – EITI) in Deutschland (D-EITI).

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