»Reflektierter mit dem Begriff Klimaneutralität umgehen«

Artikel vom 13. Oktober 2022
Sonstige Dienstleistungen

Wer Normen und Standards nutzt, um Umweltschutzmaßnahmen zu messen,. schafft Transparenz und stärkt gleichzeitig seine Glaubwürdigkeit (Bild: Dlugosch).

Um die Erderwärmung zu begrenzen, strebt die EU die »grüne Null« an: Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050. Im Interview spricht Prof. Mario Schmidt, Leiter des Instituts für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim und Mitglied in der Ressourcenkommission des Umweltbundesamtes, über Herausforderungen und die Bedeutung von Normen und Standards für den Klimaschutz. Der Weltnormentag steht unter dem Motto »Shared Vision for a Better World« – eine Welt, die stärker denn je vom Klimawandel bedroht ist.

Was bedeutet Klimaneutralität aus wissenschaftlicher Sicht?

Mario Schmidt: Klimaneutralität bedeutet strenggenommen, dass das Klima überhaupt nicht mehr beeinflusst wird – ein Anspruch, der so nicht machbar ist. Selbst wenn ich beispielsweise auf Sonnenenergie setze, verändere ich durch installierte Photovoltaikmodule die Erdoberfläche, also die Rückstrahlfähigkeit, was wiederum den Strahlungshaushalt der Erde und damit das Klima beeinflusst. Mit Klimaneutralität ist eher die Nettobilanz der Treibhausgasemissionen gemeint, Treibhausgasneutralität wäre daher der passendere Begriff.

Viele Unternehmen sprechen davon, klimaneutral zu werden. Wo liegen die Herausforderungen?

Schmidt: Die Unternehmen wollen ihren Ausstoß von Treibhausgas bei null haben. Da stellt sich die Frage: Wie bilanziert man das? Gemäß DIN EN ISO 14064-1unterscheiden wir zwischen direkten und indirekten Emissionen. Also einerseits Treibhausgasemissionen, die im direkten Besitz oder unter der Kontrolle eines Unternehmens erfolgen. Andererseits indirekte Treibhausgasemissionen, die durch externe Quellen wie Materialien, Dienstleistungen oder Strom entstehen. Auch diese müssen miteinberechnet werden, das macht die Bilanzierung so komplex. Es ist nahezu unmöglich, in einer global vernetzten Wirtschaft nur klimaneutrale Produkte zu beziehen, es bleibt immer ein Rest an Emissionen. Unternehmen versuchen häufig, diese an anderer Stelle mit nachhaltigen Projekten monetär zu kompensieren. Wenn es jedoch keine klar definierten Kriterien und Anforderungen an die Qualität oder Langfristigkeit solcher Projekte gibt, bleibt der Mehrwert für die Umwelt fraglich. Vieles führt derzeit nicht zu echtem Klimaschutz, das muss man leider so festhalten.

Welchen Beitrag leisten Normen und Standards in diesem Zusammenhang?

Schmidt: Sie schaffen zunächst mal einen Konsens, was Klimaneutralität überhaupt bedeutet. Außerdem definieren sie Anforderungen an Umweltschutzmaßnahmen und geben Unternehmen konkrete Handlungsempfehlungen und technische Lösungen an die Hand, wie sie tatsächlich effektiv zum Klimaschutz beitragen können. Es gibt mit der ISO 14000er-Reihe bereits ein breites Regelwerk, das Unternehmen weltweit zur Bilanzierung der Umweltauswirkungen nutzen. Diese Normen sind im wahrsten Sinne des Wortes Standard – zum Beispiel die DIN EN ISO 14040 zur Ökobilanz oder die DIN EN ISO 14067 zum CO2-Fußabdruck von Produkten. Wer solche Normen und Standards nutzt, schafft Transparenz und stärkt gleichzeitig seine Glaubwürdigkeit.

Trotzdem gibt es noch gewisse Herausforderungen in der Normung zur Klimaneutralität – welche sind das aus Ihrer Sicht?

Schmidt: Wir müssen vor allem reflektierter mit dem Begriff Klimaneutralität umgehen und einheitliche Bewertungsmaßstäbe ansetzen. Was heißt denn treibhausgasneutral, welche Emissionsarten sind dafür relevant und wie lassen sie sich einheitlich messen, um vergleichbar zu sein? Dafür brauchen wir klare und strenge Standards. Derzeit wird die Norm ISO 14068 erarbeitet, die sich mit genau diesen Fragen befasst: Was bedeutet CO2-Neutralität, was darf man sich anrechnen lassen und was nicht? Diskutiert wird auch, inwieweit Avoided Emissions, also vermiedene Emissionen, in den nachfolgenden Wertschöpfungsketten mit angerechnet werden dürfen. Als Beispiel: Darf ein Dämmmittelhersteller die Energieeinsparungen des Hausbesitzers durch sein Produkt in seine Bilanzierung miteinfließen lassen? Hier gilt es einen Konsens zu schaffen – auf nationaler, europäischer sowie internationaler Ebene. Eine extrem komplexe Aufgabe, weil zahlreiche Akteure involviert sind. In Summe hat die Normung beim Thema Klimaschutz aber schon viele gute Standards auf den Weg gebracht.

Was ist Ihre persönliche Vision von einer besseren Welt?

Schmidt: Normen sind ein gutes Mittel, um einen Konsens zwischen verschiedenen Stakeholdern herzustellen und gerade bei so komplexen Themen wie Klimaschutz sehr hilfreich. Ich wünsche mir, dass sich sowohl Unternehmen als auch NGOs noch mehr in die Normung einbringen. Durch eine breite Beteiligung wird eine Norm inhaltlich ausgewogen und vor allem praxisnah formuliert. Das ist die Voraussetzung für ihren Erfolg – und damit auch für effektiven Klimaschutz.

Prof. Dr. Mario Schmidt leitet das Institut für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim (Bild: Hochschule Pforzheim).

Zur Person

Physiker und Umweltwissenschaftler Prof. Dr. Mario Schmidt ist Professor für Ökologische Unternehmensführung an der Hochschule Pforzheim. Er leitet das Institut für Industrial Ecology (INEC). Er ist unter anderem Mitglied in den DIN/ISO-Normungsgremien zu Carbon Neutrality.

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