Mehr Mobilität in Gebäuden

Artikel vom 13. Juni 2020
Sonstige Dienstleistungen

Selbstständig und unabhängig: Sandra Pilz hat die Aufzüge mit der App getestet. Bild: Kone

  • Aufzüge und App werden über eine Cloud-Plattform vernetzt
  • Anwendung kommt in Würzburger Berufsförderungswerk zum Einsatz
  • Anwendung erleichtert blinden und sehbehinderten Menschen die Orientierung auch innerhalb von Gebäuden

Der Aufzughersteller Kone sorgt dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen sicher und selbstständig mit dem Aufzug an ihr Ziel kommen. Dafür lässt sich die GPS-App Blindsquare nutzen. Im Berufsförderungswerk in Würzburg (BFW) kommt die neue Anwendung erstmals in Deutschland zum Einsatz.

Wo ist der Aufzug? Wohl jeder ist schon einmal wie verloren durch eine riesige Einkaufshalle, durch einen Flughafen oder Bürokomplex geirrt. Wie viel schwieriger muss das erst für blinde und sehbehinderte Menschen sein, die sich allein auf ihren Langstock verlassen können oder im Idealfall auf eine sehende Begleitperson? Haben sie den Weg zum Aufzug gefunden, wartet die nächste Hürde: Gibt es Taster mit Braille-Schrift? Wann ist die Zieletage erreicht? Und in welche Richtung muss es gehen?

Per App und Aufzug sicher durchs Gebäude

„Aufzug fahren mag für Sehende selbstverständlich sein. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist es oft mühsam und umständlich“, erzählt Sandra Pilz. Sie spricht aus eigener Erfahrung, denn sie ist blind. Als eine der Ersten hat die 40-Jährige nun einen neuen Service von Kone getestet, dem Hersteller von Aufzügen und Rolltreppen: Die Verknüpfung von Aufzug und GPS-App Blindsquare sorgt dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen sicher und selbstständig mit dem Aufzug an ihr Ziel kommen. Im Berufsförderungswerk in Würzburg (BFW) kommt die neue Anwendung erstmals in Deutschland zum Einsatz.

Smartphone als virtueller Begleiter

Das Smartphone fungiert als virtueller Begleiter. Während Sandra Pilz mit Langstock in der einen und Handy in der anderen Hand das Foyer des BFW betritt, ruft sie den Aufzug per App. Die Sprachfunktion von Blindsquare führt sie – fast wie ein Navigationssystem im Auto – direkt zur Anlage. Die App schickt sie direkt ins gewünschte Stockwerk, sagt, dass sie diese erreicht hat und den Gang links zum Kursraum nehmen soll. „Solche Hilfsmittel erleichtern meinen Alltag enorm“, stellt die Frau fest, als sie sicher und auf direktem Weg im Raum angekommen ist.

Inklusion ohne Barrieren

Hellmuth Platz, Mobilitätstrainer am BFW, freut sich ebenso für seine Kursteilnehmer über das Stück hinzugewonnene Freiheit: „Blinde und sehbehinderte Menschen können sich durch den Service selbstständiger fortbewegen. Die Blindsquare-App ist für Menschen mit Handicap ein wichtiger Beitrag zur Unabhängigkeit und fördert ihre soziale Integration.“

Kone und Blindsquare haben mit der Verknüpfung von Aufzug und App eine Möglichkeit zur Inklusion per Smartphone geschaffen. „Eine blinde Person hat mir mal gesagt, dass die Erfindung des Smartphones genauso wichtig ist wie die Brailleschrift“, sagt Trainer Hellmuth Platz. „Wir hoffen, dass Kone die Technologie kontinuierlich weiterentwickeln und verbessern wird – zusammen mit Blindsquare und den Menschen, die eine solche Anwendung am meisten brauchen. Damit die App dann nicht nur unseren 220 Studierenden im BFW den Alltag erleichtet, sondern auch vielen weiteren Nutzern öffentlicher Gebäude.“

So funktioniert die App

Blindsquare ist mit 60.000 Nutzern die vermutlich weltweit meistverwendete GPS-App für blinde und sehbehinderte Menschen. Sie beschreibt die Umgebung, nennt umliegende Straßenkreuzungen, Geschäfte oder Bushaltestellen und gibt die Richtung an, in der sie zu finden sind. Zunächst war die App auf die Nutzung im Freien beschränkt. Inzwischen hilft sie auch bei der Orientierung innerhalb von Gebäuden. So kann sie über eine digitale Verknüpfung mit den Kone-Aufzügen kommunizieren. Die App ist für iPhone und iPad erhältlich, eine Variante für Android-Geräte ist in Vorbereitung.

Das BFW Würzburg ist ein berufliches Bildungszentrum für blinde und sehbehinderte Menschen. Durch Qualifizierungsmaßnahmen werden die erwachsenen Schülerinnen und Schüler wieder ins berufliche und gesellschaftliche Leben eingegliedert. Derzeit lernen rund 220 Menschen in mehr als 20 Ausbildungsberufen am BFW.

 

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